Schnelle Schieflage

Im Trend: Anonyme Wiesenbestattung. Idee: Die Verantwortlichen, die das Grün-und-einfach-mobil-Image der E-Roller aufbauten, während ihr wahrer Schlachtruf lautete: „Marktanteile, egal wie!“, und die genau wussten, dass zum Akku-Laden nachts Prekärjobber mit Dieselfahrzeugen Roller einsammeln würden, die Verantwortlichen, die alle städtischen Schrottberge nach grotesk kurzer Lebenszeit längst vorhersahen, und die alle neuen Unfälle durch genau die easy-mobil-Flitzegeister, die sie riefen, hinnahmen – diese Verantwortlichen legen sich nun wenigstens ein paar Tage zum bestatteten Roller dazu. Und denken mal über alles nach.
Und wir legen uns auch daneben: Da draußen wird permanent an einer Welt gebaut, die du vielleicht gar nicht willst. Und du baust mit, mit Klick hier und Kauf da, und alles ist so einfach.

Hey, Roller, mach’s gut.

Gut gemacht.

“Der Zugführer telefoniert mit der Hotline, ob man den Schaden hier beheben kann.” VIEL GLÜCK, LIEBER ZUGFÜHRER! DU SCHAFFST DAS, TOLLE HOTLINE! Weißt du, Hotline, du wurdest für diesen einen Augenblick geboren: den einen Augenblick, wenn dich ein Zugführer anruft und dir von einem technischen Schaden erzählt, einem Schaden an seinem Zug voller Menschen, die so gerne woanders hin wollen. Das machen Menschen ja, das machte den Menschen so erfolreich: Er ist beweglich. Er wandert. Er erobert. ER BENUTZT WERKZEUGE. Hotlline, du kannst den Menschen ganz Mensch sein lassen! Du kannst dafür sorgen, dass er sich bewegt! Dass er weiterkommt in diesem großen, ungewissen Leben! Dass er´s besser hat! Hotline, wir wissen beide, wie seltsam das war, als der Arzt damals bei deiner Geburt deinen Eltern sagte: „Das … das ist nicht nur die Nabelschnur. Das ist eine Hotline!“ Und deine Elterm ließen sich darauf ein, sie nahmen das Schicksal an, sie fütterten dich mit Glasnudelsuppe, mit Kartoffelfäden und Fadennudelpudding. Und aus dir wurde eine starke, eine wache, eine schlaue Hotline. Du schaffst das, Hotline. Wir alle glauben alle an dich.
„Meine Damen und Herren, wir haben das technische Problem – erstmal – behoben und können unsere Fahrt nun fortsetzen.“
Geliebte Hotline, ich bin so stolz auf dich. Den kleinen Tränenfaden an meinem rechten Auge wische ich jetzt nicht weg.

Test.

Test. Auf meinem Balkon liegt ein toter Maikäfer. Ich traue mich nicht, ihn aufzuheben. Als störte ich so seine Ruhe und verletzte seine Würde. Aber ich will ihn auch nicht liegen lassen. Ich muss ihn aufheben. Und ich werde seine Form durch die mehreren Taschentücher fühlen. Vielleicht wird sein Chitinpanzer knistern. Der arme Maikäfer. Und dann? In den Hausmüll. Nicht ins Klo. Im Klo würden die Taschentücher durch den Spülvorgang fortgezogen, und der Käfer schwömme weiter oben, anklagend. “Willst du jetzt auch noch auf meine filigrane Gestalt defäkieren? Willst du meine sensiblen Fühler, die erotische Gelegenheiten aus hundert Meter Entfernung melden können, willst du diese zarten Empfänger einfach zuscheißen? Das soll mein Ende sein? Warum konntest du mich nicht einfach auf dem Balkon in Würde vergehen lassen? Langsam und ehrenvoll von der Sonne verbrennen lassen, wie man einen Wikingerkönig ehrt?” Mist. Ich wollte eigentlich nur ein Test-Posting schreiben. Und jetzt kann ich diesen Käfer erst recht nicht mehr anrühren. Vielleicht decke ich ihn einfach zu? Die Taube, die damals nach dem Knall gegen mein Balkonfenster gestorben war, die entsorgte ich bald, weil ich ihre Verwesung, den Gestank und Krankheit fürchtete. Ich habe Lachs im Kühlschrank. Wenn ich den Lachs auf den Maikäfer lege, dann fängt der Lachs bald an zu stinken, und ich muss beide entsorgen, Lachs und Käfer. Aber den Lachs esse ich lieber. Essen. Ich sollte essen. Solche Gedanken hat man nur, wenn man zu hungrig ist. Aber wie kann ich nun mit der Erinnerung an den Taubenleib essen? Ich weiß, was ich tun muss. Ich ehre den Maikäfer. Indem ich mich auf mein Bett lege, wie er auf meinem Balkon liegt. Ich denke an seine Flüge, an meine Flüge, an unsere Flüge durchs große Leben. Ich denke an sein Krabbeln, an mein Krabbeln, an die Erschöpfung nach der Paarung, an Wiesen und Himmel. Wie ich in seinen Armen lag, in der Wiese, wie er in den Himmel blickte und sagte: “Ist das mit uns beiden nicht verboten?” Und wie ich sagte: “Hör auf dein Herz. Hör auf dein Käferherz.” Und wie er nur sagte: “OK”, wie er sich leise knisternd räkelte und wie wir dem Rauschen der Bäume lauschten, bis es dunkel wurde.

Uh.

Flashback zum Moment, als ich in vibrierender Pubertät zum ersten Mal so einen Nasenstrip benutzte – und dann auf der Nase riesige leere Poren hatte – und auf dem Strip eine Armee sehr verunsicherter kleiner aufrechter Bernsteinwürmer. Ach ja, äh: Die Erdbeeren waren lecker!