Danke, Oma.

Update, 26.12.2020: Danke für die Anteilnahme unter diesem Facebook-Beitrag.

Heute ging meine Oma, von Corona beschleunigt, nach 95 Jahren aus diesem Leben.
Oma hat aus der riesengroßen Welt in ihr voll geschöpft und viel geschenkt. Sie schenkte uns eine Welt an Erinnerungen und Gefühlen, die nun mitten im Leben bleiben.
Das war Omas großes Talent: Aus etwas Kleinem etwas schönes Großes zu machen, mit Fantasie, Liebe zu Einfällen und dem Augenblick. Beipiel Nummer 1: Zwischen einer Hecke und der Wand einer Turnhalle brachte sie uns Kindern bei, zu Reimen einen Ball gegen die Wand zu werfen, und uns zu drehen, während der Ball flog, oder niederzuknien und wieder aufzustehen. Sie stand mit uns dabei nicht in dem kleinen Raum zwischen Hecke und Turnhallenwand neben einer Straße. Sie stand mit uns in dem riesigen Raum, in dem Gedichte, Rhythmus, Tanz, Körper, Sport und Sommer uns angucken und fragen: „Na? Willst du was erschaffen? Willst du was fühlen? Dann mach mal. Es ist alles da.“

Beipiel Nummer 2: Auf dem Weg zum Spielplatz setzte sie sich mit uns in ein unscheinbares verwittertes Rondell mt Sitzbank, sie nannte diesen Ort „Kleine Wohnung“ und verteilte einige Gummibärchen. Und dieser Besitz, dieses Gefühl, „das ist unseres“, und unser Geheimnis, ließ uns künftig dahin vorausrennen, während wir riefen und sangen „Kleine Wohnung! Kleine Wohnung!“

Oma sang viel. Und sie sang spontan. Oft verlegte sie ihre Brille, mitunter hielt sie ihre Brille beim Suchen die ganze Zeit in der Hand und hatte sie dort einfach vergessen. Aber wenn sie ihre Brille wiederfand, dann sang sie: „Freude Freude über Freude, hab gefunden meine Brille!“ Dazu Schlaflieder, die ich heute meinen Kindern singe. Lieder, die, seit Oma sie sang, drei Generationen hörten.

Zuletzt träumte sie in einem Zimmer in Berlin Steglitz. Und auch mit über 90 Jahren blühte sie voll auf, wenn ich etwas aus ihrer Vergangenheit ansprach. „DAS WEISST DU NOCH?!“ „Ja klar, Oma, du hast es mir doch erzählt.“

Ich habe mich bei Oma schon vor einiger Zeit bedankt. Ich rief ihr ins Ohr: “Danke für alle Liebe, Oma!” „Wie?“ „DANKE FÜR ALLE LIEBE!“ Und als sie es verstanden hatte, und als ich ihr einige leuchtende Erinnerungen ins Ohr gerufen hatte, da leuchteten ihre großen, verschmitzten Augen. Sie wandte sich mir ganz zu und sagte: “Ich danke DIR!”

Ich habe verstanden, Oma. Wir schenken uns einander. Und indem ich mich gebe, bin ich immer auch Beschenkter. Danke, geliebte Oma.